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Alte Berufe im Kirchenbuch: Inwohner, Keuschler, Söllner und Co.

Inwohner, Keuschler, Söllner, Lebzelter, Binder: Alte Berufe und Standesbezeichnungen im Kirchenbuch klingen heute fremd. Diese Seite erklärt die häufigsten Bezeichnungen aus Österreich und dem süddeutschen Raum und zeigt, was sie über das Leben Ihrer Vorfahren verraten.

Kurz gesagt: Im Kirchenbuch steht oft kein Beruf im heutigen Sinn, sondern der Stand: Bauer, Keuschler oder Häusler, Inwohner, Knecht oder Magd. Diese Angaben zeigen, ob jemand einen Hof, nur ein kleines Haus oder gar keinen Besitz hatte. Handwerksnamen wie Hafner, Binder oder Lebzelter sind österreichische Wörter für Töpfer, Fassbinder und Lebkuchenbäcker. Lesen Sie die Angabe immer mit Ort und Hausnummer zusammen – so unterscheiden Sie gleichnamige Personen.

Stand statt Beruf

Ältere Einträge nennen oft nur die Namen, manchmal mit einem Zusatz wie „Bauer“ oder „Inwohner“. Mit dem Patent Josephs II. von 1784 wurde im Taufbuch auch der Stand, also der Beruf, der Paten verlangt; im Trauungsbuch der Stand der Zeugen. Wie die Bücher aufgebaut sind, zeigt Taufbuch, Trauungsbuch, Sterbebuch.

Wichtig ist der Unterschied zwischen Stand und Tätigkeit: Wer als „Häusler“ eingetragen ist, kann zugleich Weber oder Taglöhner gewesen sein.

Am Land: vom Bauern bis zum Inwohner

Im Dorf gab es historisch zwei Schichten: die eigentlichen Bauern mit Anteil an den Gemeinderechten, etwa an Wald und Weide, und die Kleinhäusler, die daran keinen Anteil hatten.

Bezeichnung Bedeutung
Bauer, Ganz-, Halb-, Viertelhübler Besitzer eines Hofes mit Anteil an den Gemeinderechten. Höfe wurden geteilt; daher Halbhube, Viertelhube, Achtelhube.
Keuschler, Häusler, Kleinhäusler, Söllner Besitzer eines kleinen Hauses (Keusche, Sölde, Söllhaus) mit wenig oder gar keinem Grund, ohne Anteil an Wald, Weide und Wasser des Dorfes. Grund kauften sie oft erst nach und nach dazu.
Söldner Im süddeutschen Raum ebenfalls ein Kleinhäusler – kein Soldat.
Inwohner, Inmann (Mehrzahl Inleute) Bewohner ohne eigenes Haus und ohne Grund, der bei einem anderen wohnte; österreichisch veraltet für „Mieter“. In Städten hatte ein Inwohner kein Bürgerrecht.
Tagwerker, Taglöhner arbeitete gegen Tageslohn, oft für Bauern oder eine Herrschaft
Knecht, Magd, Dienstbote lebte und arbeitete im Haushalt eines Bauern oder Bürgers
Ausnehmer Altbauer, der den Hof übergeben hatte und vom Ausgedinge lebte, der im Übergabsvertrag vereinbarten Versorgung
Bürger Einwohner einer Stadt oder eines Marktes mit Bürgerrecht, meist mit Haus

Die Keuschen und Söllhäuser bewohnten vor allem Dienstboten, Tagwerker und Dorfhandwerker. In Patsch bei Innsbruck etwa gab es zur Zeit des Theresianischen Katasters 1775 achtzehn Söllhäuser; bei der Anlage des Grundbuchs um 1900 verzichtete man auf die Unterscheidung.

Wie viele Kleinhäusler gab es?

Mehr als man denkt. Bei der Grundentlastung 1848 wurden in der Steiermark 149.340 bäuerliche Besitzungen erfasst. Nur rund 38 Prozent gehörten Ganz-, Halb- und Viertelhüblern, rund 62 Prozent Keuschlern, Häuslern und Gärtlern. In der Steiermark entstanden die Kleinhäusler vor allem vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, als die Bevölkerung wuchs; selten lassen sie sich weiter als ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen.

Für Ihre Forschung heißt das: Ein Vorfahr, der als Keuschler oder Inwohner eingetragen ist, ist der Normalfall, nicht die Ausnahme.

Handwerk und Gewerbe: österreichische Bezeichnungen

Bezeichnung Heute
Hafner Töpfer, Kachelofensetzer (süddeutsch, österreichisch)
Binder Böttcher, Fassbinder (süddeutsch, österreichisch)
Lebzelter Lebkuchenbäcker; vielerorts auch Met, Honig und Kerzen
Wagner Hersteller von Wagen und Rädern (im Norden: Stellmacher)
Bader betrieb eine Badestube; behandelte Wunden, ließ zur Ader, zog Zähne, schnitt Haare
Greißler kleiner Lebensmittelhändler (vor allem Ostösterreich)
Mesner Kirchendiener, anderswo Küster

Ländliche Handwerker wohnten oft in einer Keusche und erwarben mit der Zeit Grund dazu. So wurde aus manchem Dorfhandwerker ein Kleinbauer – auch das kann sich in den Einträgen einer Familie über die Generationen zeigen.

Lateinische Angaben

Vor 1784 stehen Berufe meist lateinisch: agricola oder colonus für den Bauern, civis für den Bürger, inquilinus für den Inwohner, aedituus für den Mesner, faber ferrarius für den Schmied, molitor für den Müller, sartor für den Schneider, sutor für den Schuster, textor für den Weber. Weitere Wörter finden Sie unter Latein im Kirchenbuch.

Was der Stand über Ihre Vorfahren verrät

  • Gleichnamige unterscheiden: In einem Dorf kann es zwei Johann Steiner geben – einen Bauern und einen Inwohner. Stand, Hausnummer und Paten helfen bei der Zuordnung.
  • Den Hof finden: Wer als Bauer „am …“ oder „zu …“ eingetragen ist, lässt sich über den Hof weiterverfolgen. Mehr dazu unter Hofnamen und Vulgonamen.
  • Wanderung erkennen: Inwohner, Dienstboten und Taglöhner zogen oft weiter. Fehlt eine Taufe im Ort, lohnt der Blick in die Nachbarpfarren. Für Dienstboten nennt ein erhaltenes Dienstbotenbuch jeden Dienstgeber, siehe Elternhaus ausräumen.
  • Lebensweg verfolgen: Der Stand kann sich ändern. Vergleichen Sie die Angaben bei der Trauung, bei der Taufe der Kinder und beim Tod.

Ein Beispiel mit einer erfundenen Familie: Bei der Trauung 1812 ist Georg Steiner „Knecht beim Unterberger“, bei der Taufe seines ersten Kindes 1814 „Inwohner“, bei der Taufe des vierten Kindes 1823 „Häusler und Weber“. Der Lebensweg einer Familie, ablesbar an drei Wörtern.

Häufige Fragen

Was ist ein Inwohner im Kirchenbuch?

Jemand ohne eigenes Haus und ohne Grund, der bei einem anderen wohnte, oft als Taglöhner. In Städten fehlte dem Inwohner das Bürgerrecht.

Was bedeutet Keuschler?

Besitzer einer Keusche, eines kleinen Bauernhauses mit wenig oder ohne Grund. Keuschler hatten keinen Anteil an den Gemeinderechten der Bauern. Gleichbedeutend sind Häusler, Kleinhäusler und Söllner.

Ist ein Söldner im Kirchenbuch ein Soldat?

Meist nicht. Im süddeutschen Raum bezeichnet Söldner einen Kleinhäusler, der auf einer Sölde lebte.

Was ist ein Hafner?

Ein Töpfer oder Kachelofensetzer. Das Wort ist süddeutsch, österreichisch und schweizerisch.

Was ist ein Ausnehmer?

Ein Altbauer, der den Hof übergeben hatte und vom Ausgedinge lebte, also von Wohnrecht und Naturalleistungen, die im Übergabsvertrag festgelegt waren.

Was war ein Bader?

Der Betreiber einer Badestube, der auch Wunden versorgte, zur Ader ließ, Zähne zog und Haare schnitt – ohne Studium, oft der Heilkundige der einfachen Leute.

Stand und Beruf in Ihrer Ahnenlinie

In unserem Belegdossier steht jeder Eintrag im Wortlaut, mit Stand und Beruf, soweit verzeichnet, und lateinische Angaben übersetzt. So sehen Sie, ob Ihre Vorfahren Bauern, Keuschler oder Handwerker waren – Generation für Generation.

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